Eine überzeugende Erläuterung dazu schreibt Niklas Luhmann in “Die Wissenschaft der Gesellschaft”:

Die Antwort wird leichtfallen, sobald wir das Sonderproblem gefunden haben, das die Ausdifferenzierung dieses besonderen Kommunikationsmediums auslöst. Es handelt sich um das Gewinnen neuen, unvertrauten, überraschenden Wissens, also um die Überwindung einer Schwelle der Unwahrscheinlichkeit. Die Erfahrung von “Neuheit” setzt einen Beobachter voraus, der eine Abweichung von Erwartungen feststellen kann. Solange aber der Beobachter seine Erwartung nicht spezifisch kognitiv auffasst, sondern die Frage dieser Modalisierung im Unbestimmten lässt oder gar normativ erwartet, wird die Abweichung ihn stören, und er wird einen Weg zurück in normale Verhältnisse suchen. Kommt es zu einer kognitiven Spezifikation des Erwartens oder gar zu neugierigem Erwarten, wird das Neue in spezifischer Weise interessant; und das gilt nochmals verstärkt, wenn die Neuheit nicht einfach als sachliche Abweichung erfahren, sondern temporal als Differenz zu früheren Zuständen oder Erfahrungen thematisiert wird. Dann ist die Neuheit des Befundes ein Anlaß zur Suche nach nach einer Erklärung, dann stimuliert der Neuheitseindruck die Suche nach neuem Wissen; und Neues wird geradezu gesucht, um ein Anlaß zu sein, Neues zu suchen.

Im Normalfall ist eine Irritation der Punkt, wo man am Ende einer Fahnenstange sitzt – wenn man denn soweit kommt -, um dann zu sagen: “Dünne Luft hier, ich rutsche besser runter.”

Weiter schreibt Luhmann:

Mehr und mehr liegt das Problem nun nicht nur im Bekannten und Unbekannten, woran jedermann interessiert sein müßte, und auch nicht mehr im Wiedererkennen (a-létheia!) des an sich bekannten WIssens, sondern in der Änderung vorhandener Wissensstrukturen. [...] Eben deshalb bildet sich, wenn (aus welchen Zufällen immer) so etwas vorkommt, ein besonderes Medium für Wahrheitskommunikation, das die schockierende Kommunikation gleichwohl trägt oder sie jedenfalls nicht vorab entmutigt und erstickt.

Also geht es auch darum, vorhandene Fahnenstangenfundamente zu versetzen oder zu erneuern. Nur Wiedererkennen langweilt ja auf Dauer. Es geht um das Erkennen und Differenzieren von Sichtweisen. Die neue Art, das Beobachten zu beobachten, das ist auch “neu”.

Zu fragen, was “neu” eigentlich ist, ist in Zeiten mit viel “Neuem” auf jeden Fall interessant. Und noch spannender ist, das falsch positive vom falsch negativen zu unterscheiden und das ganze zu thematisieren ;)